Bestimmte Auswüchse einer moralisierenden Soziologie bewirken eine schizophrene Verharmlosung von Unmenschlichkeiten im Zusammenleben

 

In verschiedenen Ausarbeitungen habe ich u.a. auf eigenartige Ausuferungen bei dem “alltäglichen“ Umgang mit der Soziologie hingewiesen: Es geht um die Verharmlosung der unter den Menschen anzutreffenden Unmenschlichkeiten durch „ungezielt blinde Appelle an eine moralisch schwächelnde Gesellschaft“. Dieses Gehabe hat seine Ursache in einer speziellen, pauschalierenden Betrachtungsweise, wie sie als Daueranwendung im Umkreis der Soziologie zu beobachten ist: Was der einzelne Mensch tatsächlich in seinem individuellen Antrieb, in all seinen Motivationen, in unbedingt eigener Verantwortung konkret im Zusammenleben bewerkstelligt, das wird bei diesem fortwährenden „Alltagseinsatz der Soziologie“   konsequent vernachlässigt und ausgeklammert.

Soziologie – meine ich – ist so unübersichtlich wie nur irgendwas. Aber „selbstverständlich“ wird man davon auf Schritt und Tritt behelligt. Das ist der Auslöser einiger meiner „Anfeindungen“ gegen die Soziologie. 

Hier in einer Art Kurzfassung, in welchen Lebensbereichen soziologische Auslassungen zu einer misslichen Schizophrenie ausarten. Die Argumentationsgrundlage zu allem: Es ist das „Kerngerüst“ der Soziologie, wie man es überaus überschaubar dargestellt findet in Einführung in die Allgemeine Soziologie von Anton Burghardt, WiSo Kurzlehrbücher Verlag Vahlen 1974. Hier wird unter anderem auch die Ursache für eine Art Schizophrenie erkennbar: Eigentlich ist die Soziologie durch eine sozusagen „Entsagungsmentalität“ gehalten, sich nur in quantitativ erfassbaren, messbaren Größen zu entwickeln. Andernfalls besteht von daher immer die Gefahr, sich eben an der hier selbst auferlegten „strengsten Wissenschaftlichkeit“ zu versündigen (d.h. es wird hier die Verpflichtung konstruiert, nicht in ein subjektives Werten hineinzugeraten, sich nicht in rein philosophischen Ausuferungen zu verirren).    

Aber gerade das ist natürlich für alle „Soziologie-Anwender“ auch eine ungeheure Stress-Situation: Denn Gegenstand der Soziologie ist ja dem ersten Anschein nach einfach nur der Mensch im Zusammenleben. Und da hätte man es doch eigentlich durchaus mit der real konkreten, tatsächlichen Wirklichkeit zu tun: Zu was ist der Mensch da? Wozu ist der Mensch tatsächlich fähig? Und wie sind die „Befähigungseigenarten“ individuell gestreut vorzufinden? In diesem unabwendbar vorzufindenden Fragenbereich gerät man dann ganz eindeutig auch an die nur qualitativ erfassbaren Eigentümlichkeiten des Menschseins. – Eigentlich ein unbedingt herausfordernder Fragenkomplex für eine „unvoreingenommen offene Forschung“. Aber im Interesse an klaren Ergebnissen hat man sich hier einer strengen Entsagung unterworfen – es ist die allenthalben angesagte „Wertfreiheit“ in der Soziologie. Tatsächlich handelt es sich hier nicht um eine in jeder Hinsicht verfügbare und begründbare „offene Freiheit“; es ist eher eine selbst auferlegte Abstinenz, also ein nur durch elitäre Entscheidung geschaffener Tabubereich. Mit den unbestreitbar sehr erfolgreichen Ergebnissen, in dem auf diese Weise eng eingegrenzten Forschungsbereich klare Aussagen zu allem zu gewinnen, was sich eben an rein quantitativ aus messbaren Bezugsgrößen überhaupt nur erfassen lässt. 

Meine Kritik an der „Soziologie“ ist niemals gegen die Soziologie als ein äußerst wertvolles Instrument zur Erfassung aller quantitativ unterschiedlichen „Auffälligkeiten“ in der Gesellschaft gerichtet. Meine Kritik richtet sich einzig gegen den völlig überzogenen verbrämten Anspruch, wie er sich im soziologischen Alltagsgebrauch im Schatten einer anscheinend „sakrosankten Wertfreiheit“ durchgehend in Szene gesetzt hat. 

Denn hier beginnt die Schizophrenie: Im soziologischen Alltagsgebrauch wird die geradezu dogmatisch vorgegebene Wertfreiheit immer wieder aufs Gröbste missachtet und verletzt (- aus einer, wie gerade erwähnt, immerfort latent vorhandenen Stress-Situation: Der „Forschungsgegenstand Mensch“ ist seiner gesamten Qualität wesentlich mehr, als was sich lediglich an ihm allein durch rein quantitative Messungen erfassen lässt). Denn wie sähe eine Soziologie als Wissenschaft ohne die Überbetonung der Wertfreiheit aus? – Wir hätten es dann mit einer rein statistisch arbeitenden Institution zu tun ohne überhaupt von einem missverständlichen Ansatz her zu immer wieder qualitativen Wertungen in zusammenfassenden Betrachtungsweisen zu kommen; mit einer überaus sachlich arbeitenden Institution also ohne ein fragwürdig überhöhtes Anspruchsdenken.  

Das ständige Missachten der eigentlich im eigenen Forschungsbereich streng gebotenen „Wertfreiheit“ durch das Gehabe einer „Allerwelts-Soziologie“ für sich allein wäre wohl noch gar nicht so misslich: Gerade die fortwährende Auseinandersetzung mit der Stress-Situation „Wertfreiheit“ macht deutlich, wie mit der Einrichtung eines Forschungs-Tabubereichs immer auch die Zweifel an der Begründetheit dieser Entsagungshaltung „Wertfreiheit“ laut werden. 

Was sich hier jedoch aus dem Umkreis der Soziologie in einer weiteren Ausuferung etabliert hat ist der eigentliche „schizophrene Schwachpunkt“: Das Pauschalisieren von soziologisch ermittelten Messdaten. Und dieses „Pauschalieren“ jetzt vor allem in Richtung qualitativer Wertungen über den Zustand der Gesellschaft - verbunden mit den immer wiederkehrenden moralischen Appellen, die Gesellschaft möge sich verbessernd ändern, um den eindeutig „soziologisch“ ermittelten Fehlsteuerungen einen Riegel vorzuschieben…  

Zur Klarstellung: Es ist niemals die Gesellschaft als Ganzes, in der von allen Menschen gleichermaßen getragen die bemängelten Fehlsteuerungen zustande kommen. Denn gerade hier offenbart sich die qualitativ besondere Beschaffenheit des Menschen: Wie der einzelne Mensch charakterlich beschaffen ist, das kann unmöglich durch eine pseudo-soziologische Sichtweise verallgemeinert werden. Die hier von Fall zu Fall empirisch ermittelbaren Sachdaten lassen das nicht zu. Die üblichen „soziologischen Verallgemeinerungen“ in diesem Problembereich sind grober Unfug; hier wird ein Verschulden verallgemeinert, wo es immer nur um ein Verschulden in individuell eindeutiger Zuordnung geben kann. Und wenn dann auch die so lautstark geforderten moralisch herausragenden Leistungen tatsächlich vorhanden sind, dann handelt es sich immer um individuell realisierte Verhaltensweisen. Es ist niemals ein „Moral-Geschehen“, das sich gleichermaßen über die ganze Gesellschaft ausbreitet.       

Aber zu einer derart sachgerechten und disziplinierten Eingrenzung ist es im soziologischen Alltagsgebrauch nicht gekommen; mit einer Überbetonung der „Wertfreiheit“ (mit der elitär eng gefassten Begründung von erforderlicher strengster Wissenschaftlichkeit) sieht sich ein Soziologe oft genug in diese missliche Situation gedrängt: Er hat sich – wissenschaftlich – mit dem Menschen im Zusammenleben zu beschäftigen. „Verboten“ (!) ist dabei aber bei den Vorkommnissen aller Art ein Bewerten in qualitativer Hinsicht. Es verbietet sich damit also eigentlich jede Form von qualitativer Aussage über den Zustand der Gesellschaft. So etwas empfindet der Soziologe dann aber, wenn er sich in der praktischen Anwendung seiner Wissenschaft zu üben sucht, oft genug als überaus unbefriedigend. Und lässt sich so auch immer wieder zu dem Tabubruch verleiten, qualitative Wertungen über den Gesamtzustand der Gesellschaft vorzunehmen.

Das ist zwar von der Motivation her nur zu verständlich. Verdient aber jedes Mal die „Rote Karte“! Denn es verstößt gegen die „eherne“ Spielregel der Soziologie: Dem wissenschaftlich absoluten Gebot von „Wertfreiheit“. (Viel gewichtiger ist hierbei aber die eklatante Fehlorientierung, überhaupt in bedeutsamen Bereichen die Gesellschaft als Ganzes mit pauschalierenden Bewertungen beurteilen zu wollen; das zu verdeutlichen ist mir ein Daueranliegen.)          

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