Über die unzumutbaren Provokationen durch die unerträglichen Zumutungen einer dogmatischen Festlegung auf ein allein gültiges Gottesverständnis

 

Gläubigkeit scheint ja im Sinne von menschlicher Größe etwas Herausragendes zu sein – so jedenfalls nach verbreitet vorherrschenden Meinungen und Überzeugungen.

Nun hat die bei uns „etablierte Gläubigkeit“ immerhin einige empfindliche Schwachstellen. Was da alles mit höchster Überzeugung in allen Einzelheiten geglaubt werden soll ist in mehreren entscheidenden Punkten reichlich unglaubwürdig.

Es handelt sich dabei um die Art und Weise, wie das überlieferte Glaubensgut jeweils zustande gekommen ist. Dann aber auch um die Glaubwürdigkeit des Geglaubten – was alles an diesem Glaubensgut bei dem heutigen allgemeinen Wissensstand noch ernsthaft als glaubwürdig akzeptiert werden kann. Und weiterhin handelt es sich um die Schwachstellen, wie sie sich in oft erschreckender und abstoßender Deutlichkeit auftun, wenn man verfolgt, was sich (geschichtlich) im wahren Leben nebenher zu aller Gläubigkeit abgespielt hat.

Zu genau diesen Schwachpunkten hat sich im Lauf der letzten Jahrhunderte verstärkt bis in die Gegenwart eine Materialfülle und Wissensfülle angehäuft. Die Folge davon ist, dass die Einwände gegen jede Art von Gläubigkeit in entschieden atheistischer Ausrichtung „gesteigert“ an Bedeutung gewinnen.

Z.B. Richard Dawkins mit seinem Buch Der Gotteswahn – in der „sachlichen Argumentationsstärke“ großartig, da darin geballt die unerträglichen Anmaßungen, die in nichts begründeten Bevormundungen durch die Kirchen entlarvt werden. – In der (inhaltlichen) Argumentation allerdings immerhin als eine hervorragende Herausforderung an jede Erkenntnisfähigkeit, an jedes Denken usw., wenn es um eine vertiefte Auseinandersetzung mit den letzten Grenzen von möglichen Gewissheiten geht. „Kernpunkt“ zu allem ist dann die Frage, ob es Göttliches neben unserer wahrnehmbaren Wirklichkeit überhaupt geben kann oder ob derartiges überhaupt unmöglich ist.

Ich befinde mich bei dieser Thematik also auf einer Art Gratwanderung: Eine völlig unkritische Gläubigkeit kann unmöglich den Anspruch auf allgemeingültige Anerkennung einfordern wollen. Aber auch der äußerste Kontrast hierzu – ein überzeugter und völlig unnachgiebiger Atheismus – kann niemals den Beweis erbringen, das sämtliche hierzu nur irgend möglichen Argumente jeweils in allen Einzelheiten hieb- und stichfest sind.

Die eine Seite dieser Gratwanderung über schwindelerregenden Abgründen – die Auseinandersetzung mit den Schwachstellen des etablierten religiösen Glaubensguts: Worin vor allem ist eine „unkritische“ Gläubigkeit fragwürdig?

Zunächst einmal die Art und Weise, wie das überlieferte Glaubensgut jeweils zustande gekommen ist: Es gibt keinen einzigen überprüfbaren Beleg dafür, dass auch nur eine einzige „göttliche Offenbarung“ direkt aus dem Jenseits ganz konkret in irgendeiner vernehmbaren Form an den Offenbarungsverkünder gelangt ist. Es waren immer nur Visionen, eigene innere Erleuchtungen und Überzeugungen, die der Offenbarungsverkünder als Benachrichtigungen von etwas Göttlichem her nur in sich selbst wahrgenommen hat. Bei jedem auf Offenbarung beruhenden Glaubensgut muss man also als ein „Zum-Glauben-Bereiter“ darauf vertrauen, dass es bei den Offenbarungsvisionen eines Offenbarungsverkünders zu keinerlei Fehldeutungen, Fehlinterpretationen gekommen ist. Bei Fehlinterpretationen wäre eine uneingeschränkte Blindgläubigkeit unverantwortlich – wegen einer Folgsamkeit nämlich bei auch solchen Geboten, wie sie nur durch Fehldeutungen des Offenbarungsverkünders  zustande gekommen sein mögen. – Der heilige Wille von etwas denkbar Göttlichen entzieht sich in letzter perfekter Erfassbarkeit  so sehr dem menschlichen Verstehen, dass es hier unmöglich eine letzte absolute Gewissheit  für das maßgebliche Glaubensgut in allen Einzelheiten geben kann. Als ein Gläubigkeitsbereiter in  meiner Glaubensbereitschaft müsste ich also eigentlich ein perfekt schlüssiges Konzept vorfinden – wenn das mit den Offenbarungsverkündigungen angebotene Glaubensgut tatsächlich von Gott für eine unanzweifelbare Verbreitung in der Welt so gewollt ist. Andernfalls ist bereits schon hier eine sehr vernünftige Skepsis angebracht.

Weiterhin die Glaubwürdigkeit des Geglaubten – was alles an diesem Glaubensgut bei dem heutigen allgemeinen Wissenstand noch ernsthaft als glaubwürdig akzeptiert werden kann. Das krasseste Missverhältnis zwischen „Glaubensanspruch“ und der tatsächlichen Daseinsbeschaffenheit der Schöpfung finde ich im Glaubensgut der katholischen Kirche vor: Es ist einfach eine haarsträubende „Weltentrücktheit“ (eine Wirklichkeitsferne in allerkrassester Form), was hier als „vom Göttlichen selbst gestiftetes Glaubensgut“ akzeptiert werden soll.

Aber welche Argumentation muss man hier denn möglicherweise dennoch als etwas Überzeugendes für die Werthaftigkeit dieses Glaubensgutes anerkennen? – In heutiger Zeit gibt es keine überzeugende Argumentation. Das Glaubensgut der katholischen Kirche hat sich ganz allein im Zuge einer fortgesetzten Legendenbildung entwickelt. Und diese Entwicklung war ständig begleitet und durchsetzt von höchst diesseitigen Machtbestrebungen und politischen Interessen. Es gab (und gibt) eben auch immer wieder  die Menschen, die das „Religiösen“ zur Hauptsache als einen überaus geeigneten Mechanismus für die Einrichtung von Machtstrukturen jeder Art verstanden haben.   

Die religiösen Strömungen in Zeiten der Entstehung des Christentums waren erfüllt von allgemein verbreiteten Heilserwartungen, von der erlösenden Macht eines erwarteten Messias. Daraus hat sich dann (in Legendenbildungen) der „Christus-Glaube“ entwickelt – in allen bekannten Eigenarten und Ausformungen. Die damaligen, historisch erforschbaren Entwicklungsschritte dieser „Legendenbildungen“ können heute sehr exakt offengelegt werden. Soviel dürfte dazu unwiderlegbar feststehen: Der Jesus Christus der Bibel ist als eine historisch beweisbare Figur nie existent gewesen; der Jesus Christus der Legendenbildung lässt sich nach dem Neuen Testament nur zurückverfolgen  von den erst siebzig Jahre  (und später) nach dem „Auferstehungsgeschehen“ entstandenen vier Evangelien. Besonders aufschlussreich in diesem Zusammenhang die Briefe des Apostels Paulus zeitnah nach dem „Auferstehungsgeschehen“; in diesen Briefen wird an keiner einzigen Stelle von der leiblichen Existenz des Messias berichtet, es geht darin nur um den festen Glauben an ein „gottgewolltes Erlösungsgeschehen durch das rein spirituelle Erscheinen des Messias“. Diese Zusammenhänge sind – auch unter Einbeziehung der Apostelgeschichte – sehr detailliert dargestellt in Das Jesus-Puzzle/Basiert das Christentum auf einer Legende? von Earl Doherty; ergänzendes Material findet sich in Der heidnische Heiland von Tom Harpur.    

Und die Schwachstellen im Glaubensgut (insbesondere) der katholischen Kirche, wenn man verfolgt, was sich (geschichtlich) im wahren Leben nebenher zu aller Gläubigkeit abgespielt hat: Die eklatanteste Schwachstelle ist nach meiner Überzeugung die Lehrmeinung von der Erbsünde und von dem unbedingten Erfordernis, durch „Rechtgläubigkeit“ und Befolgung aller Gebote Gnade vor Gott zu finden. – Ich halte, anders als Richard Dawkins, die Existenz von etwas Göttlichem neben unserer Daseinswirklichkeit für etwas unbedingt Mögliches. Aber für das „Behaftet-Sein aller Menschen mit der Erbsünde und Erlösung davon allein durch orthodoxe Rechtgläubigkeit“ – dafür finde ich keine plausible, keine glaubhafte Erklärung. Das ist ein ausschließlich rein gedanklich ersonnenes Konstrukt. Was sich nur irgend über die tatsächliche Beschaffenheit des Menschen in Erfahrung bringen lässt, das kann niemals völlig identisch mit einer solchen Lehrmeinung sein.

Aber unter einer solchen Doktrin „von der Fehlbarkeit aller Menschen gleichermaßen“ war jedem Wüten unter den Menschen „Tür und Tor geöffnet“: Keiner, und mochte er auch von Natur aus noch so gutwillig und uneigennützig veranlagt sein, durfte für sich in Anspruch nehmen, vor Gott „wie auch immer“ bestehen zu können; er war ja mit der Erbsünde behaftet und bedurfte unbedingt der göttlichen Erlösung. Aber jeder, und wenn er auch die größten Abscheulichkeiten mit Ausnahme der „7 Todsünden“ vollbrachte, durfte in der sicheren Überzeugung leben, bei ausreichender Bußbereitschaft mit einem blauen Auge davonzukommen.                 

Karlheinz Deschner beschreibt in der Kriminalgeschichte des Christentums, welche Gräuel sich in der Menschheitsgeschichte ereignet haben – ich behaupte: Alles eine Folge von dem durch die Kirche eingebläuten Schuldbewusstsein jedes auch nur in einer letzten Ader gutwilligen Menschen und dem nebenher institutionalisierten Freibrief für jede offenkundige Unrechtshandlung bei von Gutwilligkeit völlig abweichender Gesinnung, wenn man nur auf die „Sündenreinwaschung“ durch die Kirche zurück griff.  (In Die beleidigte Kirche  von Karlheinz Deschner finden wir ein recht zeitnahes grauenhaftes Geschehen beschrieben, von der katholischen Kirche verantwortet, wie es 1941 bis 1943 im sogenannten „Unabhängigen Staat Kroatien“ stattgefunden hat: „… Dass sie <die katholische Kirche> durch eine Blutschuld gebrandmarkt wird, die an Scheußlichkeit hinter den schlimmsten Massakern des katholischen Mittelalters nicht zurücksteht, sie eher übertrifft, sei hier abschließend erhärtet…“).

Wenn in der katholischen Kirche mal wieder irgendwas ziemlich aus dem Ruder läuft und dann die Beteuerungen kommen, dass ab jetzt wirklich Besserung geschieht, dann erinnert mich das an Wilhelm Busch,  Die fromme Helene mit ihrer Likör-Abhängigkeit: „Nein!“ – ruft Helene – „Aber nun / Will ich´s auch ganzund ganzund ganz - / und ganz gewiss nicht wieder tun!“ Aber – wie wir wissen - das Schicksal nimmt seinen Lauf: Gefährlich ist des Freundes Nähe / O Lene, Lene! Wehe, Wehe! -  Man kennt das Ende der Geschichte: Hier sieht man ihre Trümmer rauchen / Der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen.

Die Schwachstellen der „etablierten Gläubigkeit“ auf allen Gebieten treten besonders offenkundig in dem Glaubensgut der katholischen Kirche zutage. Die katholische Kirche hat eine in Orthodoxie und Dogmatik „einbetonierte theologische Ethik“ geformt, die mit wahrer Mitmenschlichkeit unvereinbar ist. Denn im Gegensatz zu den „sektiererisch ausgerichteten Moralvorstellungen“ der katholischen Kirche wurden in Sachen wahrer Mitmenschlichkeit bis heute die Grundrechte, die Menschenrechte erarbeitet. Diese lassen Raum z.B. für eine völlige Gleichberechtigung der Geschlechter, für eine verantwortungsvolle Familienplanung, für das Ausleben erotischer und sexueller Neigungen (unter strikter Beachtung einer stets gebotenen Rücksichtnahme auf die Eigeninteressen aller Beteiligten – darin auch die Abwehrstrategien gegen Aids) usf. Das Elend der frommen Helene habe ich gezielt wegen dieser verkrampften Moral-Dogmatik aufgeführt; der Mensch ist unnötig überfordert bei einer „Gläubigkeit“ im Sinn derart exzentrischer Moralvorstellungen, wie sie von der katholischen Kirche verbreitet werden.    

Diese Beschäftigung mit der Gläubigkeit in der katholischen Kirche geschieht stellvertretend für eine vernünftige Beschäftigung mit überhaupt allen religiösen Betätigungen. Immer dann, wenn eine religiöse Richtung den Anspruch erhebt maßgebend auf die Geschehnisse im allgemeinen Zusammenleben eingreifen zu sollen, wird „Religiosität“ zu einer unerträglichen Belastung. Für einen vernünftig agierenden Menschen muss es immer als eine unerträgliche Anmaßung wirken, wenn eine religiöse Richtung den Anspruch geltend macht, wegen ihrer „Gottesnähe“ (entgegen dem „säkularen Treiben“ im allgemeinen Zusammenleben) die eigenen Anschauungsweisen als weit erhabene Orientierungsmöglichkeiten durchsetzen zu müssen.      

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