Irritationen am Beispiel der Zeitvermessung durch die Physik

 

Soviel ist natürlich unstrittig: Die Zeit ist als eine Vermessungsgröße ein fester Bestandteil im Bereich der Naturwissenschaft. Wieso sollte es hier aber trotzdem noch Irritationen, also Verunsicherungen irgendwelcher Art geben?   

Es geht hier um eine Art erkenntnistheoretischer Dauerproblematik - nämlich: Wie weit können uns die Naturwissenschaften ein exaktes Abbild des Naturgeschehens vermitteln und inwieweit stehen wir mit unserer Erkenntnisbefähigung trotzdem immer noch vor „letzten Fragen“, vor solchen Fragen, die unter strengster Respektierung (!) der Forschungsergebnisse der Naturwissenschaften eine Herausforderung für das Nachdenken des Menschen bleiben. (Eine sehr sachbezogene Auseinandersetzung mit dieser Thematik findet sich bei Hans Gradmann, Das Rätsel des Lebens im Lichte der Forschung, Ernst Reinhardt Verlag 1962.)

Ich beschäftige mich hier speziell mit dieser Problematik: Nach den Berechnungsmethoden der Naturwissenschaft haben wir jedes Zeitgeschehen als das Vorhandensein tatsächlich existierender Zeitspannen aufzufassen. Meine Auffassung dagegen:  Alles was wir im Dasein an Veränderungsvorgängen generell vorfinden hat nicht die geringste tatsächliche zeitliche Ausdehnung. Es gibt im Daseinsgeschehen unmöglich tatsächlich existierende (ausgedehnte) Zeitspannen; vielmehr haben wir es nur mit unablässigen Veränderungsabfolgen alles wahrnehmbaren Geschehens zu tun; tatsächlich existierende Zeitspannen kommen hier nicht vor. Es gibt nur (wenn man denn hier schon mit dem „Zeitbegriff arbeiten will) ein unablässige Folge von völlig ausdehnungslosen „Zeitpunkten“; gemeint sind Zeitpunkte die nicht das geringste Ausmaß auch nur irgendeiner Zeitspanne haben.

„Alles fließt“ – diese Anschauungsweise gibt es natürlich schon seit langem in der Menschheitsgeschichte. Aber warum – wie auch ich es behaupte – in jedem Veränderungsgeschehen einerseits tatsächlich alles unaufhaltsam fließend ist, und wieso trotzdem die Zeit als eine feste Größe zu unserem Leben gehört, dafür habe ich diese sehr einfache Erklärung: Alles, was wir als ein zeitliches Geschehen wahrnehmen, ist jeweils das Ergebnis unseres inneren „Zeitspeicherungs-Vermögens“. Und von daher behaupte ich: Auch die Physik hat als Beobachtungsgegenstand niemals irgendwelche tatsächlich existierenden Zeitspannen; die gibt es nicht und lassen sich als real Existierendes (folglich) auch nicht beobachten. Sondern die Physik nutzt für alle Daseins-Vermessungen einfach auch nur die Befähigung des Menschen, in seinem Inneren Veränderungsabfolgen des äußeren Geschehens speichern zu können. (Das soll die überragenden Leistungen der Physik in keiner Weise schmälern, hier soll nur eine Klarstellung zu einer grundlegend „sehr einseitigen“ Sichtweise der Physik erfolgen: Das Dasein, in dem wir uns eingebunden vorfinden, ist ganz einfach umfassender, d.h. niemals exakt so eingrenzbar, wie es sich durch die Naturwissenschaften überhaupt nur vermessen lässt.)

Alle Zeitangaben in der Physik sind „Datensammlungen“ über gemessene Veränderungsgeschehnisse; es wird dabei aber niemals eine in der Realität tatsächlich vorfindbare Zeitspanne dokumentiert – weil Derartiges unmöglich (da „nicht existent“) im Dasein überhaupt vorkommt.

Hierzu als „Erläuterung“ einiges an Beispielen.

Vor kaum mehr als zweihundert Jahren war das gesamte Universum (jedenfalls in unserem christlichen Abendland) nur etwa ziemlich genau dreitausend Jahre alt; das ließ sich nämlich aus der Generationenfolge der Menschheit seit der Erschaffung des ersten Menschen durch Gott anhand der Angaben im Alten Testament errechnen.

Auch diese rund dreitausend Jahre waren keine irgendwie als Realität greifbare Zeitspanne. Sie waren nur das Berechnungsergebnis theologisch sattelfester Theoretiker, die die Altersangaben zu allen „Erzvätern“ seit Adam zusammenzählten.

Heute wissen wir: So geht das nicht (ausgenommen hier die Auffassung einiger streng blindgläubig bibeltreuer Christen, für die die Schöpfungsberichte der Bibel unmöglich in Frage gestellt werden dürfen).

Es wurden nämlich Entdeckungen gemacht, nach denen man sich gezwungen sah, das Alter unseres Planeten um Einiges in Richtung Vergangenheitszeitraum zu erweitern.

Jetzt aber die entscheidende  Frage, um die sich hierbei zu der Bestimmung von Zeiträumen (meine ich) alles drehen sollte: Ist mit jeder neuen Entdeckung, die zu einer Korrektur der bisherigen Zeitvorstellungen führte, die jeweils neu „dokumentierte“ Zeitspanne tatsächlich greifbar Realität gewesen? (D.h. hatte man damit tatsächlich „jetzt endlich eine empirisch beobachtbare“ Zeitspanne vor sich und nicht auch wieder nur eine  nur klar definierte Vermessungsgröße?)      

Was findet denn tatsächlich statt, wenn mit Hilfe immer leistungsstärkerer Teleskope immer tiefere und „ältere“ Dimensionen des Weltalls erforscht werden? Ist die Vergangenheit unseres Universums damit in immer größeren Zeitspannen heute tatsächlich greifbar zur beliebigen Begutachtung etwa als ein „empirisch abklopfbarer Monumentalblock“ vorhanden?

Nein, keineswegs.

Was uns tatsächlich gelingt ist einfach dies: Zu den unzähligen Signalen, die uns seit jeher in unserer Wirklichkeitserfassung (genau genommen) doch nur als eine Folge punktueller Veränderungen begegnen, gesellen sich zu den bisherigen mit den Höchstleistungen der Astronomie erforschten „Dimensionen“ auch diese neuen, bislang unbekannten Signale hinzu – auch wieder nur punktuell in Erscheinung tretend. Diese Signale werden jeweils im „punktuellen Eintreffen“ beobachtet, werden fotografisch festgehalten; aber eine tatsächlich punktgenau (in „zeitloser Gültigkeit“)  bestimmbare Weltraumerweiterung oder ein tatsächlich empirisch verfügbares (etwa: z.B. auch beeinflussbares) Zeitgeschehen liefern sie damit dem Beobachter nicht. Der Beobachter hat einfach nur das unbestreitbar immense Erfolgserlebnis, zu allen von der Menschheit gespeicherten Daseinsvorstellungen eine überaus gewichtige neue Vermessungsgröße als verlässliches Kulturgut hinzufügen zu können.

Hierzu noch als ein weiteres Beispiel dafür, wie einige anscheinend exakt bestimmbare Zeitspannen der Beweis für tatsächliche existierende Zeitspannen sein sollen. Aber auch hier eine „Fehldeutung“ - es geht um  das Vermessen der Lichtgeschwindigkeit: Es ist seit wenigen hundert Jahren immer ein bestimmter Ausgangspunkt für den zu vermessenden Lichtstrahl gewählt worden. Man konnte dabei dann auch immer wieder „fortlaufend“ exakter die Entfernungen festlegen, die der Lichtstrahl durchlief und konnte so auch mit Hilfe eines Zeitmessinstruments stets neu ermitteln, wann dieser Lichtstrahl an einem bestimmten Endpunkt (wieder) eintraf. Man ermittelte so die Zeitdauer der Lichtgeschwindigkeit mit (zuletzt) rd. 300 000 Kilometer pro Sekunde. Aber ist damit auch der Beweis erbracht, dass es insoweit doch so etwas wie Zeitdauer in Form von tatsächlich existierenden Zeitspannen gibt? – Was geschieht denn tatsächlich, wenn z.B. Funksignale (mit Lichtgeschwindigkeit) an einen Satelliten in Dauerbetrieb gelangen und von dort umgehend zurück gesendet werden – bei einer Gesamtübertragungszeit von wenigstens etwa einer halben Sekunde? Oder als weiteres Beispiel – der von Astronauten auf dem Mond positionierte Spiegel: Wissenschaftler auf der Erde können einen Laserstrahl auf diesen Spiegel schießen und die Zeit messen, bis er wieder auf der Erde eintrifft, etwa zweieinhalb Sekunden insgesamt. Die Frage bleibt hier doch aber immer: Was geschieht in der Zwischenzeit von Sekunden oder Sekundenbruchteilen bei all diesen Signalübertragungen? Bleibt hier jetzt die Zeit tatsächlich „ereignislos stehen“?

Nein, auch da gilt: Das Leben geht weiter, alle Geschehensereignisse sind ununterbrochen weiter im Fluss, während ein Lichtstrahl (stets) mit endlicher Geschwindigkeit astronomische Entfernungen durcheilt: Die Zeit bleibt auch nicht nur für den Bruchteil einer Sekunde stehen; ein Pistolenschuss löscht ein Leben aus, Kinder werden gezeugt, Autos zertrümmern bei einem Zusammenstoß… Niemals bleibt die Zeit stehen, um hier im gesamten Geschehen eine Wartepause einzulegen, damit sich die  schicksalhaft eintretenden Ereignisse  vor ihrer zeitlichen Vollendung rechtzeitig noch quasi „in Luft auflösen könnten“.

Erwähnt sei hier auch das Phänomen der „allerkürzest möglichen Planck-Zeit“. Nach den Fundstellen zu den von der Physik ermittelten Gesetzmäßigkeiten hätte jedes Unterschreiten dieser Planck-Zeit immer ein Schwarzes Loch zur Folge…  In rd. 13 Milliarden Jahren fortlaufendem Veränderungsgeschehen müsste demnach unzählige Male dieses Schwarze Loch durch allerkürzeste Zeitspannen entstanden sein; das ist aber so nie geschehen.

Was ich mit allem darlegen will: Es geht mir einfach um die „allerletzte Frage“: Was finde ich mit meinem Existieren hier in diesem Dasein eigentlich tatsächlich vor?

Wenn man sich ernsthaft damit auseinandersetzen will, wie alles real existierende Geschehen zu verstehen ist, dann gibt es (mindestens) diese zwei parallel vernünftig vertretbaren Sichtweisen:

Zum einen die naturwissenschaftliche Vorgehensweise, die sich streng auf alles nur tatsächlich (empirisch) Ausmessbare konzentriert.

Zum anderen eben aber auch zusätzlich das (oft „unaufhaltsame“) Bestreben, auch insoweit noch nach Antwortmöglichkeiten zu suchen, wo ganz klar eingrenzbar über die Forschungsergebnisse der Naturwissenschaften hinaus für die Erkenntnisfähigkeit unbeantwortete Fragen weiterhin offen bleiben.    

Mir geht es hier darum ganz deutlich herauszustellen, dass diese beiden Sichtweisen für jeden vernünftig vertretbaren Erkenntnisgewinn unbedingt nebeneinander Bestand haben: Für alles, was sich in dieser Daseinswirklichkeit nur irgend durch ein unbedingt zutreffendes Vermessen als etwas tatsächlich Vorhandenes exakt eingrenzen lässt, ist die bewährte Vorgehensweise der Naturwissenschaft unabdingbar (hierzu noch einmal der Hinweis auf Hans Gradmann - wie eingangs erwähnt). Aber die Naturwissenschaft stößt dabei immer auch auf Grenzen, an denen ein Weiterfragen „unmöglich“ zu sein scheint; hier wird dann wie ein „Eiserner Vorhang“ immer wieder der Begriff „sinnlos“ allem möglichen Weiterfragen entgegengesetzt.      

Das hilft aber Niemandem und ist in sich selbst ein Widerspruch. Denn hierin käme ja die Überzeugung zum Ausdruck, tatsächlich alle Rätsel der Welt gelöst zu haben – in diesem Fall wäre selbstverständlich alles Weiterfragen tatsächlich „sinnlos“. Die Wahrheit ist jedoch: Die Naturwissenschaft hat eben (bei weitem) noch nicht alle Rätsel der Welt gelöst.

Und so finden wir eben heute diese (wie ich meine) überaus einladende Spielwiese für unser Denken vor: Die Naturwissenschaft hat gegen alle nur spekulativ ersonnenen Wirklichkeitsbereiche ganz klare Grenzen gesetzt. Nämlich – was („ausmessbar“) Teil der Wirklichkeit  sein kann und für welche rein spekulativ ersonnenen Dimensionen ein „Wirklichkeitsanspruch“ mit den tatsächlich vorfindbaren Gegebenheiten völlig unvereinbar ist!

Für unser Denken zu allem jedoch, was in diesen Grenzen dann aber für unser Leben trotzdem überhaupt bedeutsam sein mag, finden wir hier einen Fragenbereich vor, wie ihn  in dieser Zuverlässigkeit keiner Generation vor uns je zur Verfügung stand.

D.h. gerade die ungeheuren Erfolge der Naturwissenschaften bei der Entschlüsselung aller „lösbaren Rätsel unseres Wirklichkeitsgeschehens“ können uns davor bewahren, in rein spekulativ ersonnenen Vorstellungswelten einen festen Halt zu suchen.

Nein. Denn nur was „beweisbar“ Realität ist lässt sich als Realität allem vernünftigen Erkenntnisbestreben zugrunde legen. Und erst ab da darf (oder: sollte !) man auch das noch vermuten oder glauben, was dennoch als allgemeingültig vertretbar Glaubhaftes in allerweitesten („unerkennbaren“) Dimensionen existieren könnte.      

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