Wie sich das Böse im Entwicklungsgeschehen der Menschheit verfestigt hat

 

Auch das Böse scheint etwas Rätselhaftes an sich zu haben: Das Böse gehört zum Kulturgut der Menschheit – aber je nach Vorstellungskraft oder Wissensstand entwickeln sich dazu die unterschiedlichsten Anschauungsweisen.

Ich meine, dass sich auch hier „sachgerecht“ einiges auf das Wesentliche eingrenzen lässt. Dazu versuche ich die grundlegenden Entwicklungszusammenhänge in großen Zügen etwas übersichtlicher zusammenzufassen: Mit der Evolution entwickelte sich die Vielfalt der Arten aller Lebewesen letztlich aus Sternenstaub - jetzt rückblickend in einer unermesslichen Anzahl von einzelnen Entwicklungsschritten (die Mess-Ergebnisse hierzu in Zeiträumen umfassen viele Jahrmilliarden).

Es ist unbegreiflich, welche unüberschaubar große Vielfalt auf diesem langen Weg zustande kam. Das bisherige Endresultat „Mensch“ ist in dieser Entwicklung das überhaupt Eigenartigste: Das einzige Lebewesen (im erforschbaren Universum), das über sich selbst nachdenken kann (wie überhaupt der Mensch zu allen tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Wirklichkeitseindrücken „nachdenkend“ völlig eigene „Auffassungen“ zu entwickeln vermag).

Diese „nachdenkende Daseinserfassung“ erfolgt niemals völlig sachgerecht. Denn der Mensch bewertet dabei ja immer nur, wie er sich bei allem selbst einschätzt. Er weiß ja nicht und kann auch gar nicht wissen, was er nun tatsächlich selber ist: Wieso er aus Sternenstaub entstehen konnte, was ihn aus Sternenstaub entstehen ließ, mit welcher Zielvorgabe dies alles möglicherweise bewirkt wurde.

Und so kann seine Einschätzung all dieser Zusammenhänge immer nur spekulativ aus einer subjektiven Voreingenommenheit erfolgen: Er selbst legt in einer parteiischen Befangenheit fest, wie er sich selbst einschätzen will.     

Was dabei herausgekommen ist, lässt sich nur mit Erstaunen nachvollziehen: Vieles an den tatsächlichen Fakten völlig vorbei. Immer das Bestreben zu Idealisierungen, immer ein spekulativer Höhenflug zu einer Überhöhung des Menschseins mit Vernachlässigung der faktisch gegebenen Begleitumstände.

Bei dem tatsächlich empirisch Ermittelbaren hat man grundlegend aber damit zu tun: Die Spezies Mensch hat sich in einer Befähigungsvielfalt entwickelt, wie sie nirgendwo sonst unter allen bekannten Lebewesen anzutreffen ist. Und diese Befähigungsvielfalt ist unter allen Individuen in „qualitativer Hinsicht“ in einer solchen Breite gestreut, dass hier sachlich eine Vereinheitlichung, Pauschalierung absolut unmöglich ist.  

Im Nebeneinander ist jeder einzelne Mensch vielfältig befähigt, unterschiedlich begabt,  mit einer unterschiedlichen Antriebssteuerung ausgestattet. In der Gesamtheit eine ungeheure Bereicherung, vieles in Parallelität, vieles ergänzt sich… 

Und weil sich nun einmal unmöglich „objektiv“ klären lässt, warum und mit welcher Sinngebung es dieses „Sternenstaubgeschöpf“ überhaupt gibt, sollte eigentlich diese Wertung absolut Gültigkeit haben: Jeder Einzelne hat gleichermaßen ein Lebensrecht, ein Existenzrecht. Das Existenzrecht kann objektiv unmöglich etwa von dem Grad der Befähigung eines einzelnen Menschen abhängig gemacht werden und auch nicht von der Zugehörigkeit zu der jeweils auszumachenden Ethnie. Denn die gesamte Menschheitsentwicklung umfasst gemessen am Entwicklungsgeschehen des Universums nur einen allerkürzesten Bruchteil; das soll sagen: wenn man diesem einzigartigen Produkt des Schöpfungsgeschehens allein wegen der jeweils erreichten Entwicklungsstufe oder dem Grad von erreichten Befähigungen eine jeweils absolut herausragende Bedeutung zumessen wollte, dann wäre das nie etwas anderes als eine willkürliche („subjektive“) Festlegung.    

So wäre also eigentlich alles zu verstehen als eine Daseinsform in einem Nebeneinander „allseitiger Gleichberechtigung“. Und dieses Nebeneinander wiederum als ein Miteinander. Denn mit der Sternenstaub-Verwandlung ist der Mensch in seiner Evolutions-Entwicklungsreihe nun einmal ganz eindeutig als ein Gemeinschaftswesen zustande gekommen. Hieran gibt es nichts zu deuteln. Wenn der „denkende Mensch“ hierzu spekulativ auch immer die eigenartigsten übersteigerten Vorstellungen entwickelt – als sei das Gemeinschaftsleben z.B. erst auf Grund zivilisatorischer Planungsmaßnahmen völlig neu entstanden, dann geht das am tatsächlichen Entwicklungsgeschehen völlig vorbei. Die Natur hat (wie man weiß) auch solche Lebewesen hervorgebracht, die in Vereinzelung ihren Weg gehen und keine feste Gruppenbildung kennen. Und in Varianten dann eben auch die Lebewesen mit konstanter Gruppenbildung – der Ursprung des menschlichen Zusammenlebens.

Jetzt aber die Beurteilung dieses Zusammenlebens selbst - welche Bedeutung man dem geben könnte, inwieweit hier alles zufriedenstellend abläuft und wodurch und warum hier einiges im Argen liegen mag.

Beurteilungen zu diesem Problembereich hat der Mensch selbst entwickelt – eigentlich niemals in letzter Gewissheit, hierbei auf den Punkt genau die richtigen Maßstäbe zu finden. – Denn es gibt ja keine eindeutig erkennbare objektiv zutreffende „Wertgröße“, die man nur anzulegen hätte, um hiernach immer Entscheidungen nach „richtig und falsch“ treffen zu können. So gab es in der Menschheitsgeschichte je nach Zeitalter und Region immer auch die verschiedenartigsten Wertmaßstäbe, nach denen sich im Zusammenleben jeder Beteiligte jeweils zu richten hatte. Aus heutiger Sicht und bei vernünftiger Einschätzung oft genug vieles als ein haarsträubender Irrsinn.

Also könnte demzufolge hier in z.B. Ethikfragen und Moralvorstellungen alles in einer gewissen Beliebigkeit gestaltet werden – je nachdem, wer gerade nach Machtbesitz oder „Meinungsführerschaft“ das Sagen hat?

Nein. Der „denkende Mensch“ hat einen ganz bestimmten „elementaren“ Sachzusammenhang frühzeitig erkannt und diesen Umstand immer wieder in seinen Maßstäben für ein vernünftiges Zusammenleben einzubauen versucht: Der Grundsatz einer generellen Gleichberechtigung aller überhaupt Beteiligten im Zusammenleben.

Der Mensch hat erkannt, dass das Zusammenleben unbefriedigend verläuft und bedroht sein kann, wenn hier etwas entschieden wie folgt aus dem Ruder läuft: Es wird ein „verfestigtes grundsätzliches Gerechtigkeitsgefühl“ verletzt, wenn solche Maßnahmen die Oberhand gewinnen,  die mit einer grundsätzlichen Gleichberechtigung aller Beteiligten nicht vereinbar sind. D.h. – eigentlich müssen sich immer alle jeweils gerade gültigen „Ethik-Leitlinien“ und Moralansichten der „Nagelprobe“ aussetzen, ob sie überhaupt in das elementare Rahmenkonzept einer Gleichberechtigung aller Mensch im Zusammenleben passen. (Es ist der „uralte“ und zeitlose Wertmaßstab „was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ – also ein „Zusammenlebens-Grundprinzip“, das als Goldene Regel im Kulturgut der Menschheitsgeschichte verankert ist.)

Aber kann man sich nach derartigen Einsichten auch dem Phänomen zuwenden, ob sich so auch das Böse konkretisieren lässt? Was ist dann das Böse? - Das Böse hat die Vorstellungswelt der Menschen immer begleitet. Und auch hier gerät der Mensch üblicherweise immer wieder in „relative und beliebige Zuordnungen“ – weil es, wie einleitend entwickelt, auch hier keine objektiv absolut gültigen Normen gibt, die man z.B. nur vertrauensvoll einzusetzen hätte, wenn man eine leicht überschaubare Einteilung nach böse und gut vornehmen wollte.

Nein, genau in diesem Punkt sollte klar und überzeugend erkennbar sein: Es gibt nur eine einzige elementare Verhaltensweise, die im Zusammenleben zu entscheidenden Störungen führt - die Verletzung des Prinzips der Goldenen Regel.        

Hier hat man es jetzt mit einer überaus eigenartigen menschlichen Verhaltensweise zu tun: Wie überhaupt jede „qualitativ“ unverwechselbare individuelle Eigenart jedes einzelnen Menschen, die „unaustauschbar“ immer nur jedem einzelnen Menschen zuzurechnen ist, so kommt auch diese Verhaltenseigenart nur in jeweils individueller Ausprägung zustande. Ganz konkret kommt dies in einer Bereitschaft zur Mitmenschlichkeit oder in einer Ablehnung von Mitmenschlichkeit zum Ausdruck.

Und hierin allein lässt sich „das Böse“ konkretisieren: Es gibt eben zum einen die Menschen, die von ihrer Grundhaltung her „keiner Fliege was zuleide tun möchten“ (umgangssprachlich für: „aus einer angeborenen Mitmenschlichkeit niemanden in dessen Lebensentfaltung übermäßig beeinträchtigen zu suchen“). Und es gibt zum anderen auch die Menschen, die sich ohne Rücksicht auf die gutwilligen Verhaltensweisen anderer Menschen über jede Form von Mitmenschlichkeit hinwegsetzen.     

Das ist nach empirischen Beobachtungen belegbar. In mehreren Aufsätzen habe ich versucht diese Sachlage klar herauszuarbeiten. (Als Fazit hier also kurz: Das „Böse“ lässt sich allgemeingültig vertretbar nur auf  dieses eine Phänomen eingrenzen – auf das Missachten von mitmenschlichem Verhalten im Zusammenleben.)

Es gibt verschiedene Gründe, warum sich eine derart eindeutig bestimmbare Anschauungsweise nicht „verbreiten“ lässt. Da wäre einmal bei den „theoretischen Ansätzen“ das rein spekulativ ausgeübte Relativieren anzuführen. Weiterhin: Wenn man sich den pragmatischen Ausgangsbedingungen zuwendet, dann gibt es bei vielen der in Gemeinschaft vorkommenden Lebewesen schon von Natur aus „die Kunst des Täuschens“. „Täuschungsvermögen“ ist keine späte Erfindung des Menschen; so etwas ist uns bereits von der Natur auf unseren ersten Entwicklungsschritten mitgegeben. (Rabenvögel z.B., Krähen, die in Kolonien leben, verstehen es ganz vorzüglich einander beim Verbergen von Nahrungsvorräten zu täuschen.)

Von wesentlich größerer Bedeutung aber ist hier das Phänomen der Mimikry – hier speziell in der Form der aggressiven Mimikry: Das Vortäuschen von höchster Gutartigkeit – ganz entschieden mit dem Ziel, durch einen dabei erhofften Vertrauensgewinn „das Opfer“ mühelos überrumpeln zu können.   

Mit dem Phänomen der Mimikry beginnt das intensivste Verwirrspiel bei den Klärungsbemühungen zu dem Bösen. Einige Überlegungen, wie sich hier Wesentliches  eingrenzen lässt: Ich behaupte, die endogen verankerte individuelle Charaktereigenart „Missachtung jeder Mitmenschlichkeit“ ist vorhanden bei allen Bevölkerungsschichten, unter allen Ethnien – einzeln zurechenbar jedoch immer jeweils nur den Menschen mit eben gerade dieser individuellen Ausprägung. Der Entfaltungsdrang geht hier vor allem in die Richtung von  Machtstreben und Beherrschungswillen ohne Rücksicht auf berechtigte Interessenlagen anderer.

Das  Erfolgs-Prinzip der „aggressiven Mimikry“ liegt jetzt darin, dass die Opfer gerade in den Weltanschauungsbereichen dieser Art getäuscht werden: Es wird höchste Mitmenschlichkeit vorgetäuscht – Einsatz für vorbildliche Anliegen. Tatsächlich geht es aber nur um das Einfordern von williger Opferbereitschaft, von aufopferungsvoller Mitmenschlichkeit. Alles ist bei dieser Vorgehensweise verbrämt mit vorgetäuschten politischen Idealen, mit religiös eingekleideten Verhaltensgeboten und ähnlichem mehr. Kurz - alle Verkündigungen der „Mimikry-Täter“ zielen darauf, dass hier in Sachen „Gutartigkeit“ die höchste Einwilligungsbereitschaft der Opfer zustande kommt.

Das Teuflische bei dieser Vorgehensweise liegt dann eben darin: Jedes Nichtbefolgen der „Idealvorgaben“ wird mimikrygemäß angeprangert als die Hinwendung zum Bösen. Es handelt sich bei allem um eine äußerst heimtückische Vorgehensweise, bei der die „Täuschungsmanöver“ nicht ohne weiteres zu entlarven sind. 

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